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Pädagogischer Ansatz von Emmi Pikler
Eingehend mit der Thematik der Bewegungsentwicklung und Bewegungserziehung von Kleinkindern beschäftigte sich die ungarische Kinderärztin Dr. Emmi Pikler. Ihre Theorie stellt das Pendant zu Maria Montessoris Methode dar. Doch während Maria Montessori sich hauptsächlich mit der Erziehung von Kindern im Vorschul- und später im Schulalter beschäftigte, umfasst Emmi Piklers Lebenswerk das Leben und Wachsen der Kinder von null bis drei Jahren.
Geprägt wurde ihre Arbeit durch den Universitätskinderarzt Prof. Dr. Pirquet und dem österreichischen Kinderchirurgen Prof. Dr. Salzer und von all den Erfahrungen, Weisheiten und Erkenntnissen, die sie im Laufe der ahre durch das Leben und Großwerden ihrer eigenen Kinder, der von ihr behandelten Kinder und deren Eltern und den ihr anvertrauten Kindern im Kinderheim Lòczy sammelte.
Dr. Emmi Piklers Umgang mit Kindern ist auf zwei wesentliche Grundthesen gestützt:
- Die Kinder werden nicht in Haltungspositionen gebracht, die sie von selbst nicht einnehmen können.
- Bei der Pflege und Nahrungsaufnahme der Babys und Kleinkinder begegnen die Erwachsenen den Kindern besonders ruhig, liebe- und respektvoll. Jeder Handgriff wird dem Kind auch verbal angekündigt und auf das individuelle Tempo des Kindes abgestimmt.
Also keine fördernden Stimulationen, kein Lernprogramm, keine Hilfsmittel sondern eine dem Entwicklungsstand entsprechende Umgebung.
Dazu gehören:
- Spielmaterial nach besonderen Gesichtspunkten ausgewählt,
- Platz zum Bewegen,
- Entsprechende Kleidung, die die Kinder nicht behindern und einengen sowie
- aufmerksame und ruhige Zuwendung.
Die Kinder haben die Möglichkeit, eine Bewegung so lange auszuprobieren, bis sie sich von selbst etwas Neues zutrauen. Vermutlich braucht ein Kind erheblich länger Zeit als man ihm bisher zugestanden hat, aber auf diese Weise können die Kinder selbständig werden und schon frühzeitig ihre Fähigkeiten, wie auch die Grenzen ihres Tuns erfahren.
Eine Förderung, welche die vielen notwendigen Übergangsstufen und die wochen- und monatelangen Zwischenräume verkennt, läuft Gefahr, den Säugling in eine Bewegungsunsicherheit zu bringen, die zu:
- muskulären Verspannungen
- Haltungsschäden
- Fußdeformationen (Laufwagerl) oder ähnlichem führen kann.
Die geringste Lageveränderung stellt für den Säugling einen Gleichgewichtsverlust dar. Daher übt er sein Gleichgewicht sehr lange in allen neuen Positionen, anfangs nur selten, allmählich häufiger, und erst, wenn er sich darin sicher und beweglich fühlt, spielt er in dieser Position.
Emmi Pikler beschreibt die Bewegung der Kinder als schön und harmonisch. Nicht ungeschickt und schwerfällig, wie man im Allgemeinen die Bewegungen der Säuglinge beschreibt.
"Ihre Bewegungen sind in der Regel weich, sicher, gut koordiniert und im Gleichgewicht."
(Laßt mir Zeit, Emmi Pikler, S.19)
Bei allen Überlegungen geht es Emmi Pikler nicht nur um die Bewegungsentwicklung allein. Der Säugling lernt im Laufe seiner Bewegungsentwicklung nicht nur sich auf den Bauch zu drehen, nicht nur das Rollen, Kriechen, Sitzen, Stehen oder Gehen, sondern er lernt auch zu lernen.
"Er lernt sich selbständig mit etwas zu beschäftigen, an etwas Interesse zu finden , zu probieren, zu experimentieren. Er lernt, Schwierigkeiten zu überwinden. Er lernt Freude und die Zufriedenheit kennen, die der Erfolg, das Resultat seiner geduldigen, ständigen Ausdauer für ihn bedeutet."
(Pikler, 1982, S.35)
Erzählungen aus dem Lòczy von Ute Strub
Ute Strub besuchte das Lòczy Kinderheim, benannt nach der Lòczystraße in Budapest und beschreibt dieses folgendermaßen:
"Wir sehen, wie Säuglinge und Kleinkinder sich bewegen und spielen, denen ermöglicht wird, in Ruhe ihren Interessen zu folgen. Auch das gute Einvernehmen zwischen den Kindern und den Erwachsenen, die für sie sorgen, wird sichtbar. Es scheint als würde das Eine das Andere bedingen, als beruhe die Hingabe, der Ernst und die Freude, mit denen diese Kinder alles selbständig erforschen und sich auch vom Misslingen ihrer Unternehmungen nicht entmutigen lassen, auf dem Vertrauen und der Sicherheit, die sie aus dem Verständnis der Erwachsenen für ihre Bedürfnisse gewinnen. Die jungen Frauen scheinen vor allem das Grundbedürfnis des Kindes, alles SELBST TUN ZU WOLLEN, alles alleine auszuprobieren, gut zu kennen und zu ACHTEN.Sie lassen das Kind gewähren, auch wenn es dazu Zeit braucht."
Der freundliche Umgangston aller Pflegerinnen mit den Kindern, ihr ruhiges, leises Sprechen mit den Säuglingen während sie diese wickeln oder baden, verrät die Freude, die sie mit und an den Kindern haben.
Ute Strub beschreibt eine Situation, in der sie ein anderthalbjähriges Kind beobachtete, das ein größeres rundes Spielzeug aufhebt: Als er es fallen lässt, trifft der Gegenstand leicht gekippt auf dem Boden auf, um nach und nach in immer flacher werdenden, kreisenden Bewegungen zur Ruhe zu kommen. Wie gebannt hatte der Kleine die Bewegung bis zu Ende verfolgt, dann hob er das Spielzeug auf und ließ es wieder fallen. Achtmal wiederholte er das und schaute fasziniert zu. Als er aufsah und meinem Blick begegnete, strahlte er. Diese Gegebenheit erinnert sehr stark an die häufig erzählte Anekdote Maria Montessoris von dem Mädchen mit den Einsatzzylindern und lässt wieder das besondere Lebensumfeld erkennen, in dem die Kinder aufwachsen.
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