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DAS EHEPAAR WILD
Ein Ehepaar mit einem
ungewöhnlichen Projekt.
Biographie von mArtinA taschner,
überarbeitet von rebeca wild.
Mauricio wird in Quito, Ecuador, geboren, nachdem seine Eltern, Schweizer, in den 30er Jahren ausgewandert sind. Seine Kindheit verlebt er teils in den Anden, teils im tropischen Teil des Landes, die Schulzeit größtenteils in einem katholischen Internat. Nach der Trennung seiner Eltern kommt Mauricio mit 12 Jahren für die weitere Schulausbildung in die Schweiz. Nach sechs Jahren beginnt er durch Europa zu reisen und lernt in Bayern 1959 Rebeca kennen, die, wie er, als Reiseführer jobbt.
Rebeca wird 1939 in Berlin geboren. Ihre Kindheit wird durch den 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit geprägt. Nach Beendigung ihrer Schulzeit beginnt sie Germanistik zu studieren. Um sich in den Sommermonaten etwas Geld dazuzuverdienen, führt sie Touristen durch die bayrischen Königsschlösser.
Nach wenigen Wochen des Kennenlernens gehen ihre Wege scheinbar wieder auseinander, doch eine intensive Korrespondenz und mehrere Treffen in der Schweiz führen die beiden zum Entschluss, ein gemeinsames Leben in Ecuador zu wagen. Die 1 1/2 Jahre Trennung, in denen Mauricio sich zunächst allein in seiner alten Heimat orientiert, geben Anlass zu einem ausgiebigen Briefaustausch über grundsätzliche Lebensfragen.
1961 heiraten sie in Quevedo, einer damals kleinen Stadt im tropischen Ecuador. Als sich nach vier Jahren Ehe noch kein Nachwuchs anmeldet, entschließen sie sich zu einem Studium in New York. Dort wird nach einem Jahr ihr erster Sohn Leonardo geboren. Die Suche nach einem liebe- und respektvollen Umgang mit ihrem Kind bringt sie in Kontakt mit Maria Montessoris Buch "Kinder sind anders". In den darin enthaltenen drei wichtigsten Ansätzen: den sensiblen Phasen in der Entwicklung, einer bewusst vorbereiteten Umgebung und dem Wunder der spontanen Aktivität des Kindes, erkennen sie die Möglichkeit, jugendliche Ideale von einer "besseren Welt" schrittweise in die Praxis umzusetzen. Kurse im St. Nicholas Training Centre in London geben das erste Werkzeug zur Anwendung im Kindergarten und auf der Primarstufe.
Noch während des Studiums in Puerto Rico und später in Kolumbien organisieren sie Montessori-Spielgruppen, in denen Leonardo glückliche Jahre verbringt. Zurück in Ecuador schicken sie Leonardo in eine normale Schule. Während dieser Zeit betreuen sie ein organisches Landwirtschaftsprojekt auf einer Hochlandfarm 60 km von Quito entfernt. Während dieser Zeit wird ihr zweiter Sohn Rafael geboren. Nach Beendigung des Projekts ziehen sie nach Tumbaco, 15 km von Quito, und gründen dort für Rafael im Jahr 1977 den Pestalozzi-Kindergarten, kurz "Pesta" genannt.
Während Leonardo zunehmend unter der täglichen Schulsituation leidet und viel von seiner Lebensfreude einbüßt, entfaltet sich Rafael so wie früher Leonardo in der vorbereiteten Umgebung. Diese Wahrnehmung führt zu einem doppelten Entschluss: sie stellen dem 12-jährigen Leonardo den Schulbesuch frei und fassen den Mut, für Rafael und eine kleine Gruppe Sechsjähriger eine vorbereitete Umgebung auf der Primarschulebene zu schaffen.
So wächst allmählich ein Umfeld, in dem seit mehr als einem Vierteljahrhundert 190 Kinder und Jugendliche zwischen drei und 18 Jahren ihrem eigenen Entwicklungsplan gemäß, ohne Klassenstruktur, Unterricht, äußerem Programm, Examen und Noten leben und reifen dürfen. Im Jahr 1989 erkennt die ekuadorianische Kultusbehörde den "Pesta" im Rahmen der 10-jährigen Schulpflicht an. Ein beschreibendes Abschlusszeugnis ohne Noten ermöglicht den Übertritt ins formale Schulsystem ohne Prüfung. Doch viele Jugendliche organisieren sich im "Pesta" zusammen mit früheren Schülern in einem "Autodidaktischen Netzwerk" und legen nach Wunsch ein Außenabitur ab, wenn sie sich zu einem formalen Studium entschließen.
Die Erfahrungen zeigen, dass auch ältere Kinder weiterhin an motorischen, sensorischen und phantastischen Spielen interessiert sind und so schaffen sie viele Möglichkeiten um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Piagets Theorie, neurologischen Forschungen und ihren eigenen Erfahrungen, vertrauen Mauricio und Rebeca darauf, dass durch die vielen konkreten Handlungen, die die Kinder ausführen, ein Erfahrungsnetz entsteht, dass es den Kindern ermöglicht, eigenständig eine Intelligenz aufzubauen, die im Einklang mit emotionalen und sozialen Reifeprozessen ist.
Echte Lebensprozesse der Kinder zu respektieren und Kinder und Jugendliche liebevoll zu begleiten, ohne zu werten, urteilen, loben und bestrafen sind die Basis ihres Ansatzes im Zusammenleben mit Kindern. Viel Zeit und Energie stecken sie in die Erarbeitung vielfältiger konkreter Materialien, die den Kindern ermöglichen, die Welt zu "begreifen". Intensive Elternarbeit, Teambesprechungen, das Literaturstudium, wie das ständige Hantieren mit konkreten Materialien, gehören zu ihrer täglichen Arbeit.
Durch die zunehmende Verschlechterung der Wirtschaftslage in Ecuador wird die Erarbeitung eines alternativen Wirtschaftssystems, das unabhängig von der normalen Wirtschaft ist, notwendig. Trotz existentieller Armut entsteht durch Tauschen von Waren und Dienstleistungen eine intensive Verbundenheit mit anderen Menschen, die wieder an die Ursprünge des Seins zurückführt.
Quelle: Wild, Rebeca: Lebensqualität für Kinder und andere Menschen, Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 2001
Wild, Rebeca: Sein zum Erziehen, Freiamt: Arbor Verlag, 1998
Wild, Rebeca: Kinder im Pesta, Freiamt: Arbor Verlag, 1993
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