|
DER MANN
DER VIELEN WISSENSCHAFTEN
Jean Piaget wird am 9. August 1896 in Neuenburg geboren. Er ist das erste Kind von Arthur Piaget, Professor für mittelalterliche Literatur, und Rebecca Jackson.
Als zehnjähriger Junge arbeitet Piaget außerhalb der Schule im Museum für Naturgeschichte. Die stark ausgeprägten naturwissenschaftlichen, insbesondere biologischen Interessen, die Piaget schon als Kind hat, verfolgt er auch später in seinem Studium. In seiner Dissertation (1918) untersucht er die Frage, warum die verschiedenen Arten von Muscheln und Schnecken in den Schweizer Seen ganz unterschiedliche Formen ausprägen, je nachdem , ob sie in ruhigen Buchten oder an einem Ufer, das Wind und Wellen ausgesetzt ist, leben, je nachdem, ob sie in Ufernähe, in zwanzig Meter Tiefe oder ganz am Grund des Sees zu finden sind. Diese Variabilität der Formen erklärt Piaget aus dem Prozess der Adaption, d.h. aus wechselseitig sich beeinflussenden Anpassungsvorgängen zwischen Organismus und seiner Umwelt. Diese Adaption vollzieht sich in einer ständigen Konstruktion neuer Formen.
In seiner Studentenzeit verfolgt Piaget den Gedanken, dass das Handeln in sich eine Logik hat und dass die Logik infolgedessen ihren Ursprung in einer Art spontanen Organisation der Handlungen hat, ebenso wie die "Entdeckung", dass in der Erkenntnis Gesamtheiten vorkommen, die sich qualitativ von ihren Teilen unterscheiden und ihnen eine Organisation aufzwingen. Also genau wie in den organischen und sozialen Bereichen sind die einzelnen Elemente nicht voneinander isoliert sondern in Strukturen organisiert.
Die Verbindung von philosophischen und biologischen Erkenntnissen sowie die Ablehnung der philosophischen Methoden der Reflexion und der Spekulation, die Piaget durch die wissenschaftliche und experimentelle Untersuchung ersetzen will, bilden das Grundgerüst seiner Arbeiten über die Entstehung und die Entwicklung der Erkenntnis (Erkenntnistheorie).
Als er 1919 nach Paris umzieht, beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Dort arbeitet er im berühmten psychologischen Laboratorium von A. Binet und Th. Simon. Im Rahmen der Standardisierung von Intelligenztests beginnt er, sich für die Denkprozesse zu interessieren, die sich hinter den Antworten der Kinder auf die Testfragen verbergen, insbesondere den “falschen“ Antworten.
Piaget kann in diesem Zeitraum drei wichtige Erkenntnisse herausarbeiten:
• Das Denken von Kindern und Erwachsenen unterscheidet sich qualitativ.
• Mit herkömmlichen Methoden lassen sich die Denkprozesse der Kinder nicht messen. Piaget wählt die freie Unterhaltung und nennt dieses Vorgehen die "klinische Methode".
• Das Erkenntnisproblem ist das Problem der Beziehungen zwischen dem handelnden und denkenden Subjekt auf der einen Seite und den Objekten seiner Erfahrung auf der anderen Seite.
Piaget entdeckt mit dieser Arbeit sein eigentliches Forschungsgebiet, indem er versucht, die Philosophie, die Biologie und die Psychologie miteinander zu verbinden. Die Entwicklung des Begriffs vom Teil, das symbolische Denken und die Entstehung des formalen Denkens bilden die Schwerpunkte seiner Untersuchungen.
1924 heiratet er Valentine Châtenay, mit der er zwei Töchter und einen Sohn bekommt. Seine Arbeit bekommt in dieser Zeit eine Wende, indem er in teilnehmender Beobachtung und mit Experimenten versucht, konkrete Informationen über die Ursprünge und die früheste Entwicklung des Erkenntnisverhaltens, der Begriffsentwicklung und der symbolischen Verhaltensweisen (Nachahmung und Spiel) zu sichern. Diese Ergebnisse, die vor allem dadurch gewonnen werden können, dass er sich auf den handelnden Umgang des Kindes mit Teilen seiner Umwelt konzentriert, bilden die Basis für seine drei folgenden Veröffentlichungen, in denen er feststellt, dass durch das sensomotorische Handeln das Stadium der intellektuellen Operationen vorbereitet wird und zwar ohne Verwendung von Sprache. An seinen Kindern beobachtet er die Entwicklung der Intelligenz, von der Geburt bis zum Spracherwerb.
Piaget erkennt den Wert des freien Spiels für die kindliche Entwicklung, denn im freien Spiel können Kinder ihr Verständnis von der Welt authentisch entwickeln, versprachlichen und in der Kommunikation mit anderen Kindern verändern. Das freie Spiel erlaubt es Kindern, sich schmerzhaften Erfahrungen oder bedrohlichen Emotionen zu stellen und sie zu verarbeiten.
Piaget unterteilt die kindliche Entwicklung in drei Stadien:
• Die sensomotorische Intelligenz (etwa bis eineinhalb/zwei Jahre)
• Das konkret-operatorische Denken (bis etwa elf/zwölf Jahre, mit einem entscheidenden Einschnitt im Alter von etwa sieben/acht Jahre)
• Das formal-operative Denken (von zwölf/dreizehn Jahre an)
Mehr Gewicht als auf die Altersangabe legt Piaget auf die invarianten Charakter der Stadienfolge und dass es unsinnig sei, die Abfolge, etwa durch gezielte Trainingsmaßnahmen, beschleunigen zu wollen. Piaget entwickelt seine Vorstellungen von einem „aktiven“ Unterricht, der nicht durch verbale oder rezeptive Methoden mittels eines Lehrers die Stoffvermittlung als Grundlage hat. Bei der Vermittlung des Lernstoffes durch einen Lehrer sei der Lernertrag gering, weil wir das Kind daran hindern, Lösungen selbständig zu finden.
Piaget beschreibt den Aufbau der Wirklichkeit eines Kindes über die Begriffe der Anpassung, Akkomodation, Assimilation und Strukturierung und macht damit deutlich, wie zentral das Vernetzen von Handeln und Sprechen, Aktivität und Ruhe, äußere Erfahrungen und innere Verarbeitung für das selbständige Lernen sind.
Am Rousseau- Institut in Genf findet er günstige Bedingungen für seine weiteren kinderpsychologischen Experimente vor und widmet sich anfangs dem kindlichen Denken und dessen Ursprung im Bewusstsein, um sich dann mit dem Denken allgemein zu beschäftigen und eine psychologische und biologische Epistemologie zu entwickeln.
Weiters konzentriert sich Piaget in seiner wissenschaftlichen Forschung auf die Entwicklung des räumlichen Denkens, der Geometrie bei Kindern und der Entwicklung des Zufallskonzepts. Piaget beschäftigt sich mit dem Verhältnis der geistigen Strukturen zu den Stadien der Nervenentwicklung, um zu einer allgemeinen Theorie zu gelangen, die die Strukturen ausreichend erklären kann. Um dieses Anliegen abzusichern, versucht er ein interdisziplinäres Forschungszentrum aufzubauen, das ihm 1965 mit dem Centre International d' Épistémologie gelingt und das er bis zu seinem Tode am 16. September 1980 in Genf leitet.
Quelle: Fatke, Reinhard: Jean Piaget, In Hans Scheuerl (Hrsg.): Klassiker der Pädagogik, Bd. 2 (S. 290-314), München: Beck Verlag, 1979
Fatke, Reinhard (Hrsg); Piaget, Jean: Meine Theorie der geistigen Entwicklung, Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlag, 2003
|